23. Sep­tem­ber 2024

Adieu, Chérie!

Berufliche Umbrüche gestalten: Wenn alte Stärken einen neuen Platz brauchen

Manchmal merken wir nicht sofort, dass ein Verhalten, das uns erfolgreich gemacht hat, in der aktuellen Situation nicht mehr hilfreich ist. Weil es bisher jedoch erprobt, erwiesenermaßen funktionstüchtig war…

Text & Bild | Nadi­ne Tho­mas

 

Manch­mal mer­ken wir es nicht sofort, dass ein Ver­hal­ten, das uns erfolg­reich gemacht hat, in der aktu­el­len Situa­ti­on nicht mehr hilf­reich ist. Es hat funk­tio­niert. Es war ver­traut. Es hat uns dort­hin gebracht, wo wir heu­te ste­hen.

Eine inne­re Per­fek­tio­nis­tin zum Bei­spiel kann lan­ge eine gro­ße Hil­fe sein. Sie sorgt für Qua­li­tät, Genau­ig­keit und Ver­läss­lich­keit. Sie ach­tet dar­auf, dass Din­ge gut durch­dacht sind und nicht vor­schnell nach außen gehen.

Doch in einer neu­en Situa­ti­on kann genau die­se Stär­ke plötz­lich an ihre Gren­zen kom­men. Vor allem dann, wenn sich die Anfor­de­run­gen unse­rer Umwelt tief­grei­fend ver­än­dert haben: wenn wir bei­spiels­wei­se in einer neu­en beruf­li­chen Rol­le mehr Ver­ant­wor­tung tra­gen und ein gewis­ser Prag­ma­tis­mus not­wen­dig wird.

Gera­de weil sich ein Ver­hal­ten wie das der Per­fek­tio­nis­tin so oft bewährt hat, hal­ten wir auch in der neu­en Situa­ti­on dar­an fest. Viel­leicht inten­si­vie­ren wir es sogar noch nach dem Mot­to „viel hilft viel“. Wir wer­den noch gründ­li­cher, noch genau­er, noch vor­sich­ti­ger. Und mer­ken dabei nicht: Nicht die Anstren­gung ist das Pro­blem. Die alte Stra­te­gie passt nicht mehr zur neu­en Situa­ti­on.

Mar­shall Golds­mith bringt es auf den Punkt: „What got you here won’t get you the­re”. Was uns bis hier­her gebracht hat, bringt uns nicht auto­ma­tisch wei­ter.

In mei­nem Berufs­all­tag beob­ach­te ich die­ses „Fest­ste­cken“ zum Bei­spiel bei Fach­kräf­ten, die auf eine Füh­rungs­po­si­ti­on wech­seln, oder bei Wis­sen­schaft­le­rin­nen, die eine Pro­fes­sur anneh­men. Nach der Umbruchs­pha­se ver­trau­en sie häu­fig auf jene bewähr­ten Bewäl­ti­gungs­stra­te­gien, die sie in die­se Posi­ti­on gebracht haben.

Dabei bleibt manch­mal unbe­merkt: Die neue Rol­le ver­än­dert nicht nur die äuße­ren Anfor­de­run­gen. Sie for­dert auch eine inne­re Wei­ter­ent­wick­lung: in der eige­nen Hal­tung, im Selbst­ver­ständ­nis und in der Art, wie Ent­schei­dun­gen getrof­fen wer­den.

Was uns in eine neue Rol­le gebracht hat, reicht oft nicht aus, um sie gut aus­zu­fül­len. Die Top­spie­le­rin von ges­tern ist nicht auto­ma­tisch die rich­ti­ge Beset­zung für das Spiel von mor­gen. Manch­mal braucht sie einen neu­en Platz im Team.

Oder anders gesagt: In sol­chen Momen­ten des Umbruchs brau­chen wir nicht ein­fach mehr Dis­zi­plin oder noch mehr Anstren­gung. Wir brau­chen die Fähig­keit zu erken­nen: Wel­che inne­re Rol­le ist gera­de hilf­reich? Und wel­che gehört für den Moment nicht mehr ans Steu­er?

Den Pro­fi machen las­sen?

Im Fran­zö­si­schen gibt es den schö­nen Begriff der Défor­ma­ti­on pro­fes­si­on­nel­le. Laut Wiki­pe­dia bezeich­net er „die Nei­gung, eine berufs- oder fach­be­ding­te Metho­de oder Per­spek­ti­ve unbe­wusst über ihren Gel­tungs­be­reich hin­aus anzu­wen­den.“

Genau dar­an den­ke ich in sol­chen Momen­ten immer wie­der. Denn über vie­le Jah­re hat man alle Ener­gie dar­auf ver­wen­det, die Fach­kraft oder den Wis­sen­schaft­ler zum Pro­fi zu machen. Wir haben dabei Denk- und Ver­hal­tens­wei­sen trai­niert, die uns gehol­fen haben, unse­re Auf­ga­ben zu meis­tern. Und jetzt sol­len die­se Fähig­kei­ten plötz­lich nicht mehr wei­ter­hel­fen?

Mög­li­cher­wei­se doch. Aber nicht mehr allein. Was uns erfolg­reich gemacht hat, bleibt wert­voll. Es braucht nur einen neu­en Platz im inne­ren Team. Ent­wick­lung heißt nicht, alte Stär­ken abzu­le­gen. Ent­wick­lung heißt, die eige­nen Stär­ken bewuss­ter zu füh­ren: Wann gehört wel­che Stär­ke nach vor­ne? Und wann braucht es etwas ande­res?

Unter­neh­mens­le­bens­zy­klus und per­sön­li­che Ent­wick­lung

Ich ken­ne die­se Dyna­mik aus mei­ner eige­nen Ent­wick­lung. Denn Unter­neh­men durch­lau­fen in ihrem Lebens­zy­klus unter­schied­li­che Pha­sen. Und jede Pha­se stellt ande­re Anfor­de­run­gen an die Men­schen, die sie gestal­ten.

In der Grün­dungs­pha­se braucht es eine Grün­de­rin mit Krea­ti­vi­tät, Leis­tungs­lust, Lei­den­schaft, Fle­xi­bi­li­tät und Offen­heit. Jemand, der den Fokus auf das Gestal­ten, Ent­wi­ckeln, Erpro­ben und Expe­ri­men­tie­ren legt und den Mut mit­bringt, über­haupt erst ein­mal etwas in die Welt zu brin­gen.

In der anschlie­ßen­den Wachs­tums­pha­se ver­schie­ben sich die Anfor­de­run­gen. Jetzt geht es stär­ker dar­um, die eige­ne Posi­ti­on am Markt zu fes­ti­gen, Erfol­ge zu sichern und den Umsatz zu stei­gern. Ener­gie- und Res­sour­cen­ef­fi­zi­enz wer­den wich­ti­ger. Das Ange­bot muss geschärft, Pro­zes­se müs­sen kla­rer und Abläu­fe schnel­ler wer­den. Kurz: In die­ser Pha­se rücken Umset­zen, Ablie­fern, Ska­lie­ren und Opti­mie­ren in den Vor­der­grund.

Nach der Grün­dung änder­ten sich also die Anfor­de­run­gen an mich. Mit den neu­en unter­neh­me­ri­schen Zie­len der Wachs­tums­pha­se wur­de es wich­tig, mei­nen Arbeits­stil anzu­pas­sen: wie ich mein Unter­neh­men füh­re, nach wel­chen Kri­te­ri­en ich Ent­schei­dun­gen tref­fe und wohin ich mei­ne Zeit und Res­sour­cen allo­kie­re.

Um am Markt bestehen zu kön­nen, muss­te ich zuneh­mend mei­ne „inne­re Unter­neh­me­rin“ rekru­tie­ren. Plötz­lich wur­den Eigen­schaf­ten wie Ergeb­nis­ori­en­tie­rung, Fokus, Dis­zi­plin, Beharr­lich­keit, Aus­dau­er und Ehr­geiz über­le­bens­wich­tig.

Und genau das war span­nend. Es ver­ur­sach­te aber auch ordent­li­che Wachs­tums­schmer­zen. Denn die­se Qua­li­tä­ten unter­schie­den sich deut­lich von den inne­ren Res­sour­cen, die mich in der Grün­dungs­pha­se gestärkt hat­ten.

Die Grün­de­rin hat­te mich ins Spiel gebracht. Aber die nächs­te Pha­se ver­lang­te nach ande­ren „inne­ren Spie­le­rin­nen“.

Wie Umbrü­che unse­re Ent­wick­lung prä­gen

Umbruchs­pha­sen kön­nen ver­un­si­chern. Sie ber­gen das Risi­ko per­sön­li­cher Kri­sen, weil die not­wen­di­ge Anpas­sung nicht immer ein­fach ist und auch nicht immer gewollt. Oft braucht es dafür eini­ges an inne­rer Arbeit.

Gleich­zei­tig sind es aber eben auch genau die neu­en beruf­li­chen Rol­len, die per­sön­li­che Ent­wick­lung ermög­li­chen. For­schungs­er­geb­nis­se legen nahe, dass beruf­li­che Ver­än­de­run­gen einen rele­van­ten Ein­fluss auf die Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung haben kön­nen. „Erstaun­li­cher­wei­se haben wir fest­ge­stellt, dass der Job die Per­sön­lich­keit stär­ker ver­än­dert als fami­liä­re Ereig­nis­se“, sagt Jule Specht in einem Inter­view mit Zeit Online. Sie ist Pro­fes­so­rin an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin und unter­sucht, wie sich Per­sön­lich­keit im Lau­fe des Lebens ver­än­dert.

Die For­schung zeigt: Unse­re Per­sön­lich­keit ver­än­dert sich auch durch unse­re sozia­le Umwelt und die Erwar­tun­gen, die dort an uns gestellt wer­den. Neue Rol­len for­dern uns her­aus. Und genau dadurch kön­nen sie Ent­wick­lung ansto­ßen. „Wir pas­sen unse­re Per­sön­lich­keit an die neue Rol­le an, um sie bewäl­ti­gen zu kön­nen“, resü­miert Specht.

Sich den Ent­wick­lungs­auf­ga­ben stel­len

Wenn wir beruf­lich neue Rol­len ein­neh­men, stel­len sich auch neue Ent­wick­lungs­auf­ga­ben. Dafür braucht es meist eine gro­ße Por­ti­on Ver­än­de­rungs­be­reit­schaft, Enga­ge­ment und die Offen­heit, das eige­ne Reper­toire zu erwei­tern und neu zu gewich­ten.

Die Ent­wick­lung gelingt eher, wenn wir die eige­ne Ver­än­de­rung als wün­schens­wert erle­ben, sie für mög­lich hal­ten und Schritt für Schritt in neue Ver­hal­tens­ge­wohn­hei­ten über­set­zen kön­nen (Hen­ne­cke et al., 2014, Hud­son & Fra­ley, 2015).

Coa­ching kann die­sen Pro­zess des beruf­li­chen Rol­len­wech­sels unter­stüt­zen. Es kann in sol­chen Über­gän­gen hel­fen, Ori­en­tie­rung zu gewin­nen, neue Hand­lungs­mög­lich­kei­ten zu ent­wi­ckeln und die neue Rol­le bewuss­ter aus­zu­fül­len.

Bis­he­ri­ge Leis­tung wür­di­gen

Ich selbst habe mei­ne „inne­re Grün­de­rin“ nicht ein­fach „vor die Tür gesetzt“. Im Gegen­teil: Ich habe zunächst ihre gro­ße Leis­tung und ihre bis­he­ri­ge Arbeit gewür­digt. Denn eines ist klar: Ohne sie wäre ich nicht hier.

Heu­te hat sie in mei­ner Unter­neh­mung einen neu­en Platz. Als Pro­dukt­ent­wick­le­rin darf sie wei­ter­hin krea­tiv sein, Ideen ent­wi­ckeln und Neu­es erpro­ben. Sie bleibt wich­tig. Aber sie hält nicht mehr das Ruder in der Hand.

Die „inne­re Unter­neh­me­rin“ dage­gen übt noch hart und flei­ßig. Sie lernt, stär­ker zu fokus­sie­ren, Ent­schei­dun­gen kon­se­quen­ter zu tref­fen und Res­sour­cen geziel­ter ein­zu­set­zen.

Mein Ziel ist es, nicht an alten Vor­ge­hens­wei­sen fest­zu­kle­ben, son­dern mei­ne inne­re Beweg­lich­keit zu för­dern: wahr­zu­neh­men, was eine Situa­ti­on gera­de ver­langt und mein Ver­hal­ten ent­spre­chend anzu­pas­sen.

Ich bin über­zeugt: Die­se psy­chi­sche Fle­xi­bi­li­tät ist beson­ders wich­tig, wenn sich der beruf­li­che Kon­text durch eine neue Rol­le ver­än­dert – etwa beim Ein­stieg in Füh­rung oder bei einer neu über­nom­me­nen Pro­fes­sur. Denn gera­de auf dem Höhe­punkt einer beruf­li­chen Lauf­bahn kann es irri­tie­rend sein, sich wie­der unsi­cher, ver­letz­lich oder unge­übt zu füh­len.

Umso ver­ständ­li­cher ist es, wenn wir in sol­chen Momen­ten am Alten und Ver­trau­ten fest­hal­ten möch­ten. Doch die ent­schei­den­de Fra­ge ist: Dient uns die­ses Ver­hal­ten noch – oder braucht es gera­de etwas ande­res?

 

 

Quel­len­an­ga­ben:

Golds­mith, M. (2013). What got you here won’t get you the­re. Lon­don: Pro­fi­le Books.

Hen­ne­cke, M., Blei­dorn, W., Denis­sen, J. J. A., & Wood, D. (2014). A three-part frame­work for self-regu­la­ted per­so­na­li­ty deve­lo­p­ment across adult­hood. Euro­pean Jour­nal of Per­so­na­li­ty, 28, 289–299.

Hud­son, N. W., & Fra­ley, R. C. (2015). Voli­tio­nal per­so­na­li­ty trait chan­ge: Can peo­p­le choo­se to chan­ge their per­so­na­li­ty traits? Jour­nal of Per­so­na­li­ty and Social Psy­cho­lo­gy, 109, 490–507.

Jule Specht im Inter­view von Zeit Online, Zugriff am 23.09.2024 unter https://www.zeit.de/wissen/2018–05/psychologie-persoenlichkeit-entwicklung-alter-forschung/komplettansicht

Wiki­pe­dia, Zugriff am 23.09.2024 unter https://de.wikipedia.org/wiki/Déformation_professionnelle